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Ausgabe vom 11. April 2018

Katastrophenschutz in einer sich verändernden Risikolandschaft

(TGn) Auf dem Europäischen Katastrophenschutzforum vom 05.03. bis 06.03.2018, das alle zwei Jahre von der Generaldirektion für Katastrophenschutz und humanitäre Hilfe (GD ECHO) der Europäischen Kommission organisiert wird, erläuterte Kommissar Christos Stylianides die neuen Vorschläge der Europäischen Kommission zur Stärkung des EU-Katastrophenschutzes.

Er betonte, dass durch Schaffung einer begrenzten Anzahl an gut definierten, operativen Kapazitäten auf EU-Ebene Lücken im aktuellen System geschlossen werden sollen (RescEU). Die speziellen Kapazitäten will die Europäische Union dezentral in der Nähe von Hochrisikogebieten stationieren und auf Antrag zur Verfügung stellen. Die nationalen Behörden behielten jedoch weiterhin die Verantwortung für die jeweilige Operation. Die existierenden Freiwilligenpools, die die Mitgliedstaaten stellen, sollen gestärkt, aber keinesfalls die nationalen Katastrophenschutzsysteme ersetzt werden.

Dr. Johannes Luchner, Abteilungsleiter in der GD ECHO, hob in seinem Vortrag hervor, dass präventive Maßnahmen angesichts extremer werdender Wetterphänomene von besonderer Bedeutung seien. Die Europäische Union werde immer stärker von Naturkatastrophen wie Waldbränden, Stürmen, Überschwemmungen und Hitzewellen betroffen, die erheblich Schäden und Kosten verursachten. Er hob die Rolle der lokalen Akteure hervor, die mehr als 85 % der Erstreaktionen durchführten. Sie müssten besser in Entscheidungsgremien auf nationaler und EU-Ebene eingebunden werden. Dies gelte auch für die ehrenamtlich tätigen Organisationen, die in den Freiwilligen Feuerwehren, im Rettungsdienst und in den Katastrophenschutzeinheiten eingebunden sind, aber auch für die Zivilgesellschaft, die für präventive Verhaltensmaßnahmen sensibilisiert werden müssten. Des Weiteren seien eine bessere Vernetzung und Zusammenarbeit sowie ein verstärkter Austausch von Erfahrungen erforderlich, gerade auch über die nationalen Grenzen hinaus. Zur effektiven Risikoverringerung müssten zudem mehr Finanzmittel zur Verfügung gestellt werden.

Cristina Brailescu, ebenfalls von der GD ECHO, berichtete über Zertifizierungsmöglichkeiten für Krisenhilfeteams: INSARAG (Suche und Rettung Zertifizierung), WHO (medizinische Zertifizierung). Die Europäische Union verfüge aktuell über eine European Emergency Responce Capacity (EERC), in der Staaten Teams für Katastrophenfälle zur Verfügung stellen. Aktuell besteht der Pool aus 95 Teams aus 22 Staaten, darunter auch ein Europäisches Medizinisches Korps, der die Zertifizierung von medizinischen Teams sowie deren Ausbildung und Training zum Ziel hat.

Vertreter aus Portugal, die von den Waldbränden 2017 besonders betroffen waren, gaben an, dass trotz der Fortschritte im Bereich der Risikoanalyse Finanzmittel für den Katastrophenschutz fehlten und das Problembewusstsein auf den Ebenen von Politik und Verwaltung nicht immer vorhanden sei. Vor diesem Hintergrund begrüßten sie, dass die Europäische Union verstärkt Mittel zur Durchführung von Klimaanpassungsmaßnahmen zur Verfügung stellen und eigene Kapazitäten aufbauen will.

Vertreter der Europäischen Investitionsbank (EIB) wiesen auf die Finanzierungsmöglichkeiten bei der Reduktion von Katastrophenrisiken über einen Rahmenkredit hin. Dies sei ein flexibles Instrument, das sich auf das Investitionsprogramm eines Landes oder einer Stadt stütze, unter dem zahlreiche Einzelprojekte zusammengefasst sind. Dadurch könnten viele kleine Investitionen, die nicht im Voraus beschrieben werden müssen, realisiert werden. Finanziert werden können Dämme, Deiche, Frühwarnsysteme, Ausrüstungssysteme für Such- und Rettungsaktionen sowie Brandschutzausrüstungen. Die Europäische Investitionsbank finanziere auch den Wiederaufbau nach einer Katastrophe. Regionen und Städte, die Struktur- und Investitionsfonds nutzten, könnten EIB-Finanzmittel für die Vorfinanzierung nutzen (sogenanntes »blending«).

Bei dem Thema Schlüsselelemente für eine effektive internationale Hilfe kam die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk zu Wort, deren Vertreter die Organisation und Ausbildung der ehrenamtlichen Kräfte des Katastrophenschutzes erläuterte. Freiwillige müssten mit ihren Kompetenzen international und auf EU-Ebene besser eingebunden werden. Außerhalb Deutschlands würden sie oft als unqualifiziert angesehen. Unbeantwortet sei des Weiteren die Frage der Versicherung der Ehrenamtlichen bei internationalen Einsätzen.

Unter dem Thema »Sektorenübergreifende Klimaresilienz« wurde der Aspekt der durch den Klimawandel verursachten Naturkatastrophen diskutiert. Hier sollte eine bessere Vernetzung zwischen involvierten Politikfeldern, Akteuren sowie der verschiedenen Ebenen erreicht werden. Die Anpassung an den Klimawandel (climate change adaption) und Katastrophenvorsorge (disaster risk reduction) müssten zusammen betrachtet werden. Hierzu hat die Europäische Umweltagentur im Oktober 2017 einen Bericht veröffentlicht. Das Sendai-Rahmenwerk zur Reduzierung von Katastrophenrisiken 2015-2030 hat Vorschläge zur sektorübergreifenden Zusammenarbeit formuliert und 38 globale Indikatoren definiert.

Ein weiteres Panel beschäftigte sich mit dem Aufbau eines EU-weiten Katastrophenschutz-Netzwerks. So wurde vorgeschlagen, im Rahmen eines Exzellenz-Zentrums Best Practices auszutauschen, Strategien zu entwickeln und national übergreifende Übungen durchzuführen. Sinnvoll könne des Weiteren der Aufbau eines »risk pools« sein, in dem sich die Spezialisten für bestimmte Katastrophen zusammenfinden, auch aus Ländern außerhalb der Europäische Union. Gabriele Hufschmidt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe berichtete über den Aufbau eines nebenberuflichen Masterstudiengangs für Katastrophenmanagement an der Universität Bonn. Ihr schwebt der Aufbau eines European Joint Master Programms mit einem gemeinsamen Curriculum vor, das z. B. im Rahmen von Erasmus+ gefördert werden könnte. Ergänzt wurden diese Ausführungen durch den Präsidenten des »Netzwerks für humanitäre Hilfe« (Network on Humanitarian Action - NOHA), das bereits ein solches Masterprogramm entwickelt hat. Ziel müsse sein, die auf lokaler Ebene gewonnenen Erfahrungen wissenschaftlich auszuwerten und daraus übertragbare Methoden zu entwickeln, aber auch umgekehrt die gewonnenen Ansätze wieder mit der lokalen Ebene zu kommunizieren.

Schließlich kam der Schutz des Kulturellen Erbes zur Sprache. Hier sollten Strategien zur Integration des kulturellen Erbes in nationale Risikobekämpfungsstrategien entwickelt werden. Zwar habe die Rettung von Menschenleben höchste Priorität, doch müssten alle Akteure auch darauf hinwirken, Kulturgüter vor einer völligen Zerstörung oder auch vor Diebstahl im Zuge von Katastrophenereignissen zu bewahren. Vorgeschlagen wurde des Weiteren, Daten über die verloren gegangenen Kulturgüter zu erheben und zu speichern.

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